aber ‚taubstumm‘ haben sie doch alle gesagt, damals.

Neulich im Gespräch – für Wolfgang meine Erklärung:
Taubstummheit wurde seit Jahrhunderten und wird noch heute inflationär immer dann eingesetzt, von Leuten, die gesprochene Sprache als die „einzige Kommunikationsform“ ansehen (was ja nicht zutrifft).
Wir wissen: „Stumm“ kann z.B. von Mutismus oder physischer Fehlbildung von Stimmbändern/Sprechwerk herrühren.
Bei Tauben Menschen ist i.d.R. allerdings kein fehlendes/fehlerhaftes Sprechwerkzeug die Ursache, sondern sie können sich einfach nur nicht hören, kommen folglich als Babys nicht in die von vielen (hörenden) Eltern geradezu sehnsüchtig erwarteten Lallphase. Durch Sprachtraining/Logopädie können auch taube Kinder das Sprechen erlernen. [ hatte selbst jahrelange Logopädie.]

Bin mit diesem „fehlkonstruierten gesellschaftlichen Gedächtnis“ aufgewachsen: „Kann ja nicht reden“ = dumm.

Die ersten vier Lebensjahre wuchs ich quasi sprachlos auf, weil die Taubheit nicht gleich erkannt wurde und Mutismus / Spätentwicklung (fehl)diagnostiziert wurde.
Nennt man übrigens sprachliche Deprivation. Mit vier merkte eine Kita-Leiterin bei mir, was los ist. Dann kam sprachliche Förderung, und das „Aufsaugen wie ein Schwamm“ binnen kürzester Zeit.


Trotzdem blieb und bleibt der Diagnoseschlüssel taubstumm. Das ist absoluter Blödsinn!
Taub ist das eine, stumm meint das andere – medizinisch, auch soziopsychologisch zwei verschiedene Bereiche.
Mag sein dass irgendwo eine Taubheit UND Stummheit vorliegen mag.
Und weil -wie eingangs schon beschrieben- Ärzte oder Menschen die Gebärdensprache als phonetisch „stumme“ Sprache ansehen, legen sie pauschal für alle „Taubstummheit“ fest.
Taub und/oder stumm wird auch synonym genommen für: empfindungsarm, wahrnehmungsgehemmt/-gestört, darauf basiert wohl „Kann nicht reden, kann nicht hören“ = „dumm“ meint der Volksmund.
Gehörlos und taub sind wertneutral.
Taubstumm ist und bleibt diskriminierend, egal wer und wo auch immer es zu beschwichtigen meint!

Ich nehme ja diese Wiki Erklärung sehr gern her:

Zum anderen sind Nutzer der Gebärdensprache durchaus fähig, sich sprachgewandt mitzuteilen. Als „stumm“ werden sie wahrgenommen, wenn das Gegenüber die Gebärdensprache nicht beherrscht. Der Begriff „taubstumm“ beinhaltet also einen nicht vorhandenen Mangel.