Warum ’schwerhörig‘ in Anführungszeichen?

»Ich bin taub, und das ist auch gut so« ..
ODER: »Warum ’schwerhörig‘ in Anführungszeichen?«

Lieber Thomas, Du fragtest mich warum ich das Attribut ’schwerhörig‘ als Erklärung meines Kommunikationsstatus mit explizit in der Luft angedeuteten Anführungszeichen gebärdet habe. Wir waren auf der 90 Jahre Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. – Jubiläumsfeier in Bremen, und unser Gespräch war durch das just in dem Moment wechselnde Bühnenprogramm unterbrochen. Das Abendprogramm der Feier hatte nun einmal Vorrang.

Diese Frage von Dir geistert noch in meinen zerebralen Windungen herum. Ich antworte auf diesem Wege hier in meinem Blog. Meine Antwort ist in epischer Breite lang geworden – es bleibt die Wahl des Lesens gern jedem selbst überlassen:

Vorneweg: Ich schreibe nicht allein für mich, sondern auch stellvertretend für viele, die wie ich taub oder an Taubheit grenzend das Licht der Welt erblickten und sehr wahrscheinlich einen ähnlichen Lebenslauf hatten/haben.

Zurück zu „schwerhörig“:
ich fühle mich überhaupt nicht als ’schwer-hörig‘, auch wenn ich als schwerhörig aufgrund meiner Lautsprachkompetenz eingestuft werden kann.

Ganz akkurat definiert bin ich seit Geburt taub bzw. bin mit einem Hörverlust von 92% an Taubheit grenzend. Dies wurde erst im Alter von vier Jahren erkannt. Meine Kindheit war geprägt von Sprecherziehung und Logopädie –bis zum Abwinken– bis in die pubertäre Jugendzeit hinein, geprägt von der gut behüteten Schwerhörigenschule und vom harten Wechsel in die Sekundar-I/II-Regelschule bis zum Abitur und in den Tertiärbereich da draußen in der hörenden Welt.
Unterm Strich bleibt: ich habe niemals „nach Gehör“ gelernt, stets war das visuelle Erfassen mein Hilfsmittel: Lesen war und ist Basis für die deutsche Lautsprach- sowie Schriftsprachaneignung, selbst Musik hatte ich für mich erfahrbar gemacht durch das Aneignen von Notenlesen, später durch körperliche Wahrnehmung, durch Tanz (Ballett/Tango Argentino).

Ich bin in eine auditiv orientierte Welt hineingeboren und hineingetaucht, in eine Umgebung ohne Gebärdensprache, und in dieser Umgebung bin ich angepasst und lautsprachlich aufgewachsen. Meine Stärke der visuellen Wahrnehmung habe ich jedoch prioritär beibehalten.

  • Meine Identität ist definitiv die visuelle Orientierung
  • und die folgende Aufzählung ist meine emotionale Sicherheit:
    • das Mundabsehen
    • Erfassen der Menschen und der Umgebungssituation.
    • Ich habe definitiv ein Bild- und Raum-/Ort-Gedächtnis, kein auditives Gedächtnis.
  • Lautsprachkompetenz: ich wurde immer wieder gefragt, ob ich aus Frankreich stamme oder Schwedin sei, also hab ich in der Lautsprache schon mal keine eindeutige Identitätszuordnung, so gesehen (obgleich im Anschluss an meine Erklärung, dass ich deutsch sei, sofort geantwortet wird, ich „spräche gut“).
  • Gebärdensprachkompetenz: so sehr ich mir es wünschte, leider nicht „mit der Muttermilch aufgesogen“. Macht nichts: Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon! Und ich habe gehörlose Freunde und Freunde in der Gebärdensprachgemeinschaft. Last but not least: Gebärdensprache ist meine emotionale Stütze geworden.
  • Meine CIs [ich bin heute (stock)taub] erlauben mir die Anbindung an den „auditiven“ Alltag, sind für mich persönlich ganz bestimmt nicht das Allheilmittel, sondern eine Ergänzung meiner Kommunikationskompetenz.
  • Ich kann mich gut in Schwerhörige, in Gehörlose, in Hörende hineinversetzen.
  • Ich bin taub, und das ist auch gut so.